Sophia Kat Zee Mueller Essay "Glück aus dem Reagenzglas"

Glück aus dem Reagenzglas

Bitte nicht noch ein Glücksratgeber!

Mir gehen diese Glücksratgeber ja wahnsinnig auf den Keks. Die Suche nach dem Glück scheint sich zum Volkssport zu entwickeln. Der Markt ist groß und bietet sämtlichen Trainern, Coaches, Autoren, Speakern und auch sonst jedem der dazu etwas sagen will einen Spielplatz. Sie alle kennen Programme, Schritt-für-Schritt Anleitungen und Übungen, um das Glück zu machen, es zu erlernen. Ihre Zielgruppe: jeder von uns. Denn jeder von ist unglücklich. Wir möchten alle lernen, wie man Glück macht. Wie man Glück festhält. Und am besten gibt man mir noch Tipps, wie ich das Glück erleben und gleichzeitig dokumentieren kann, damit die Erinnerung konserviert wird und ich Futter für meine Social Media Kanäle habe. Das wäre doch was! Glück aus dem Reagenzglas. Perfektioniert und dokumentiert.

Blöd nur, dass das Glück von all dem menschlichen Wahnsinn nichts weiß und unbekümmert von Moment zu Moment hüpft. Es mag sich weder herstellen, noch zerstören lassen. Wenn es da ist, ist es da und wenn es fort ist, ist es fort.

Glück entsteht immer aus dem Moment heraus. Manchmal sind es die großen Momente, wie das Erwachen einer Liebe oder die Geburt eines Kindes. Viel öfter sind es aber die kleinen Momente, die das Gefühl von Glück auslösen. Wir können es wahrnehmen und genießen, aber niemals festhalten. Es kommt und geht wie es möchte.

Momente des Glücks

Wann hattest du zuletzt das Gefühl von Glück? Versuche dich an den Moment zu erinnern! Und jetzt frag dich, ob du diesen Moment hättest künstlich herbeiführen können. In den meisten Fällen wirst du verneinen. Selbst wenn du an einem wunderschönen Ort Urlaub gemacht hast und dort Glück erfahren hast, war nicht der Urlaub dafür verantwortlich, sondern der Moment. Eine Konstellation aus Sinneseindrücken und Gefühlen in diesem Moment. Eine Unordnung, die sich weder beherrschen noch machen lässt. Im Urlaub sind wir sensibler für solche Momente, genießen mehr. Daher wundert es mich nicht, wenn viele denken in den Urlaub zu fahren würde Glück herstellen.

In Wirklichkeit ist die Konstellation an Sinneseindrücken und Gefühlen jedes Mal eine andere. Das Glück überrascht mich auf vielfältige Weise. Zu diesem Schluss kam ich durch eine einfache und weitverbreitete Übung: Jeden Abend drei Momente des Tages aufschreiben, in denen ich Glück verspürt habe. In den ersten Tagen saß ich meist ratlos vor meinem Tagebuch und ließ meinen ganzen Tag vor dem geistigen Auge ablaufen, um nach Momenten des Glücks zu kramen. Nach und nach kamen meine persönlichen Glücksmomente hoch und ich wurde sensibler und achtsamer für diese Momente. Meine Güte, wie einfach sie waren! Ein paar dieser Momente möchte ich mit dir teilen:

An der Bushaltestelle saß ein Mann mit seinem kleinen Hund. Die Feuerwehr fuhr mit lauten Sirenen an uns vorbei und der Hund bellte sich die Kehle aus dem Leib. Er erinnerte mich an diese Hunde aus dem Trickfilm, die bei jedem Bellen den Kontakt zum Boden verlieren. Der Mann lachte vergnügt und sagte: „Das macht sie immer, wenn die Polizei oder Feuerwehr vorbeifährt, ob draußen oder im Haus, ob bei Tag oder Nacht.“ Ich lachte mit ihm und streichelte den aufgeregten Hund.

Ich traf meinen Freund im Supermarkt und er kam mit einer neuen Frisur um die Ecke. Unverschämt gut sah er aus. Wir küssten uns länger als gewohnt, direkt vor der Gemüsetheke…

„Kommst du morgen ins Büro?“, fragte meine Mutti am Telefon. Als ich verneinte, sagt sie: „Schade. Wäre schön gewesen, ich vermisse dich schon.“

Ich saß mit meinem Laptop auf dem Balkon und arbeitete Emails ab. Die Sonne schien und es ging ein leichter Sommerwind. Durch die Blätter der Bäume im Innenhof entstand ein Lichtspiel auf meinem Balkon, dass mir das Gefühl gab, ich würde im glitzernden Meer sitzen. Es fühlte sich an wie ein Energiebad, einzigartig und geschenkt von der Natur. Mir wurde klar, dass ich dieses Lichtspiel nie wieder in exakt derselben Form erleben würde. Die Bewegungen des Lichts, die aus dem Zusammenspiel von Wind, Sonne und den Blättern der Bäume entstehen, konnten nie wieder genau gleich sein. An Dekadenz kaum zu übertreffen, finde ich. Unique. Niemals wiederkehrend. So wie jeder Moment des Lebens. Wenn wir dies jedoch bewusst wahrnehmen, spüren wir Glück pur und fühlen uns vom Leben „bevorzugt“, auch wenn dieses Gesetz für alle gilt.

Tja. In solch einer Einfachheit habe ich das Glück gefunden. Keiner dieser Momente wäre künstlich herstellbar gewesen. Es gab nur ganz wenige Momente, in denen ich Einfluss auf das Gefühl des Glücks hatte. Natürlich kann man sich ein Auto kaufen und davon ausgehen, dass man auf der ersten Fahrt Glück empfinden wird. Natürlich kann man ein Kind machen und davon ausgehen, dass man in dem Moment, wenn man es zum ersten Mal in die Arme gelegt bekommt, Glück empfindet. Solche Dinge passieren aber nicht alle Tage und sie sind im Vergleich mit den vielen kleinen Momenten des Glücks ein verschwindend geringer Teil und bieten auch keine Glücksgarantie.

Das Glück ist wohl ein scheues Wesen, eigensinnig und sprunghaft.
– Sophia Kat Zee Mueller –

Ich glaube umso mehr wir versuchen das Glück zu machen, umso unfähiger werden wir, Glück zu empfinden. Glück zu machen ist anstrengend. Ich soll lernen, mich glücklich zu fühlen. Am besten jederzeit, denn Glück mehrt Glück und umso positiver ich bin, umso positiver wird mein Leben. Das passt doch wieder herrlich ins Bild der gnadenlosen Selbstoptimierung, der wir uns unterziehen. Wir dürfen nicht unglücklich sein.

Das gemachte Glück

Glück wird zur Leistung. Eine Leistung ohne Belohnung, denn der Plan geht nicht auf.

Bei der Suche nach dem Glück übersehe ich in meinem Leistungswahn die kleinen Momente, da ich mich mit zwei Aufgaben konfrontiert sehe:

1. Nicht unglücklich zu sein, also „Unglück“ sofort zu erkennen und zu eliminieren, damit es keinen negativen Einfluss auf mein Leben nimmt
2. Glück künstlich herzustellen, damit mein Leben positiver wird

Uff. Da bleibt kaum Zeit für die Achtsamkeit, die die kleinen Momente sichtbar macht. Die Suche nach Glück lässt mich blind für das Glück werden. Ist das nicht irre?

1. Der Anspruch auf ein glückliches Leben löst das Bedürfnis aus, alles, was das Glück stören könnte „wegzumachen“. Leid, Schmerz und Einsamkeit dürfen nicht sein. Sie werden wegtherapiert, -diskutiert, – meditiert oder auch transformiert. Führet uns zum Licht! Auf dass wir alle glücklich, erfolgreich, gesund, wunderschön und voller positiver Energie sind und uns tanzend über das Leben freuen. Ich glaube so funktioniert das Leben nicht. Kein Licht ohne Schatten! Alles, was ich als negativ empfinde hat den gleichen Ursprung wie alles, was ich als positiv empfinde. Streiche ich meine Wut und Traurigkeit, lösche ich damit auch meine Leidenschaft und Freude aus. Ich kann mein Herz rausreißen oder es so annehmen, wie es ist, mit all seinen Empfindungen. Im Annehmen meines Herzens liegt der geheime Schlüssel, der dazu führt, dass ich mein Lachen auch bei negativen Empfindungen nicht verliere.

Nur ich selbst kann mich verletzen, sonst nichts und niemand.
– Sophia Kat Zee Mueller –

Diese Einsicht war zugleich eine der größten Befreiungen, die ich erleben durfte.

Schmerz, Wut, Einsamkeit, das Gefühl von Ungerechtigkeit und Getrenntsein entsteht und verstärkt sich durch meinen Widerstand gegen diese Gefühle. Nehme ich all das an, fühlt es sich plötzlich nicht mehr so schlimm an und mein Herz wird leichter. Ich beginne mich den negativen Empfindungen meines Herzens zu nähern und sie neugierig zu beobachten. Ich höre auf, sie verändern zu wollen, auch wenn es sich scheiße anfühlt. Ich lerne dabei viel über mich selbst und kann die Zusammenhänge meiner eigenen Gefühlswelt immer genauer differenzieren. Dadurch steigt Freude und Zufriedenheit sowie auch das Gefühl von Macht an. Wenn ich mich also damit beschäftige, alles negative „Unglück“ wegzumachen, verpasse ich den Moment und wichtige Lehren. Abgesehen davon, dass sich Negatives niemals wegmachen lässt, so sehr wir uns auch bemühen. Verdrängung, Ablenkung und der Versuch der Transformation sorgen nur für Stau im Herzen und dieser Stau wird sich auf eine Art lösen, die uns ebenfalls negativ erscheint. Es gibt kein Entrinnen.

Jeder Widerstand verstärkt, jede Verdrängung konzentriert.

Ich finde der beste Weg, mit all meinen Empfindungen umzugehen, ist das Annehmen, Beobachten und achtsam sein. So nehme ich viele kleine Glücksmomente wahr und lerne gleichzeitig aus allen Erfahrungen.

2. Das Glück künstlich herzustellen, in dem wir uns und unser Leben immer weiter optimieren, scheint mir ein vergebener Versuch, der uns eine Menge Zeit kostet. Und die Enttäuschung ist vorprogrammiert. Wenn ich jahrelang damit verbringe, eine Karriere aufzubauen, die mich erfüllen und ernähren soll und ich dafür auf vieles verzichtet habe, werde ich sehr enttäuscht sein, wenn diese Karriere mir kein dauerhaftes Glück verschafft. Und sein wir ehrlich: Das wird sie nicht. Ich werde mich fragen, ob ich meine Zeit verschwendet habe. Ob ich lieber ein paar Herzenswünsche mehr erfüllt und ein paar Menschen mehr geliebt hätte, statt der Bockwurst an der Angel hinterherzulaufen. Wir glauben so oft, dass wir etwas Bestimmtes schaffen müssen, um glücklich zu sein und hinterfragen gar nicht mehr, was das eigentlich mit dem Gefühl von Glück zu tun hat. „Wenn ich das und das geschafft habe, dann….“ Wie oft hören wir diesen Satz? Wir arbeiten unaufhörlich an unseren Projekten, unseren Fähigkeiten und unserem Leben, um irgendwas besser zu machen. Verdammt, wir können nur den jetzigen Moment besser machen, denn dieser ist die einzige Realität! Und wir machen uns genau diesen Moment kaputt mit unserer ständigen Arbeit an irgendeinem irrelevanten und nicht hinterfragten Mist, der uns zum Glück führen soll! Ich sollte mich wohl zumindest mal fragen, welche meiner Tätigkeiten wirklich etwas mit Glück zu tun haben und welche nicht. Welche Tätigkeiten erfüllen mich JETZT und welche nicht?

Das Glück im Jetzt

Zusammengefasst würde ich also sagen, dass wir uns all diese Anstrengungen, das Glück zu finden, sparen können. Der einzige Weg das Glück zu finden, ist hinzusehen. Es möchte gesehen werden! Umso weniger wir uns mit dem Mindfuck beschäftigen, den die Suche nach Glück auslöst, umso mehr Glück werden wir wahrnehmen können. Wir lassen uns weniger von unserem Verstand dazu verführen, Glücks-Maßnahmen zu ergreifen. Wir gehen mehr in die Wahrnehmung und fangen an mit allen Sinnen zu erleben. Wir finden Glück an jedem Ort und zu jeder Zeit. Durch Achtsamkeit und unsere angeborene Neugier werden wir uns für die Wunder dieser Welt öffnen und feststellen, dass sie ganz oft in den kleinen Dingen passieren.

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